Nie die Freude am Menschen verlieren

Passionswege
Ausgabe Nr. 13
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In der Kunstwerkstatt der Einrichtung Viehhofen der Emmausgemeinschaft  werden unter Anleitung von den Klientinnen und Klienten unterschiedlichste Emaille- und Holzprodukte und Werkstücke aus Tiffany-Glas angefertigt sowie Siebdruck durchgeführt.
In der Kunstwerkstatt der Einrichtung Viehhofen der Emmausgemeinschaft werden unter Anleitung von den Klientinnen und Klienten unterschiedlichste Emaille- und Holzprodukte und Werkstücke aus Tiffany-Glas angefertigt sowie Siebdruck durchgeführt. ©emmaus.at
Im Saftbeisl der Emmausgemeinschaft in der Herzogenburgerstraße verbringen die Gäste Freizeit bei Spiel und Unterhaltung.
Im Saftbeisl der Emmausgemeinschaft in der Herzogenburgerstraße verbringen die Gäste Freizeit bei Spiel und Unterhaltung. ©emmaus.at

Karl Rottenschlager gründete vor mehr als vier Jahrzehnten die Emmausgemeinschaft Sankt Pölten. Immer ging es ihm darum, jeden Menschen „radikal anzunehmen“, seine christliche Überzeugung dahinter: „Du bist von Ewigkeit her geliebt, um selber grenzenlos lieben zu können.“

Er hat sich seine positive Lebenseinstellung und die Hoffnung darauf, dass Menschen sich auch nach der x-ten Chance bessern können, nie nehmen lassen: Karl Rottenschlager, beim Interview in der Tagesstätte Viehhofen der Emmausgemeinschaft in Sankt Pölten. Der „Charly“, wie ihn hier alle nennen, hat mit seinem Engagement eine Einrichtung geschaffen, die ihresgleichen sucht. Diese umfasst mehrere Wohnheime, Notschlafstellen und mehrere Betriebe zur Integration von benachteiligten Menschen.

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Karl Rottenschlager über die Emmausgemeinschaft

„Mir wurde klar, als ich in der Justizanstalt Stein als Sozialarbeiter tätig war, dass Menschen, die aus der Haft kommen, einen Rettungsanker brauchen“, erzählt Rottenschlager, der mit einer hageren Gestalt ausgestattet umso mehr Wärme ausstrahlt. Ursprünglich wollte er Afrika-Missionar werden, dann kamen aber Gesundheitsprobleme dazwischen. Schließlich wurde er nach dem Studium der Theologie und auch einer Zeit im Priesterseminar Sozialarbeiter im Gefängnis Stein. Aufgrund der Erfahrungen, die er dort macht, gründet er die Emmausgemeinschaft. 

Er erinnert an die Anfänge seines Projekts: „Die ersten fünf Versuche, etwas Emmaus-Ähnliches zu starten, sind jeweils am Widerstand der Bevölkerung gescheitert. Die Begründung war meistens: Es ist super, was Sie da wollen, aber bitte nicht bei uns.“ Gelebtes Florianiprinzip! Im sechsten Anlauf 1982 klappt es schließlich: „Die Caritas Sankt Pölten hat mir ein Sozialarbeiter-Gehalt bezahlt und mich zur Gründung von Emmaus freigestellt. Bald haben fünf bis sieben Haftentlassene mitgelebt. Unter ihnen habe ich mein Gehalt aufgeteilt, jeder bekam 30 Schilling pro Tag, also zwei Euro, und dazu Kost und Quartier. Dafür mussten sie hackeln. Da haben wir eine Bruchbude, eine ehemalige Fleischhauerei, so weit saniert, dass wir eine Dusche und ein brauchbares WC hatten.“ Hier lebt Rottenschlager heute noch, auch wenn er die Verantwortung schon vor einiger Zeit abgeben konnte. Finanziert wird die Emmausgemeinschaft, die als Verein fungiert, durch Eigenerwirtschaftung des Verkaufs von Produkten aus den Werkstätten, durch Subventionen des Landes Niederösterreich, des Bundesministeriums für Justiz, der Stadt Sankt Pölten und durch Spenden.
 

„Das Ziel von Emmaus ist der liebes- und arbeitsfähige Mensch.“

Karl Rottenschlager

Liebe und Kompetenz

„Emmaus“ steht in Anlehnung an die biblische Erzählung von den Emmausjüngern für eine Weggemeinschaft mit den Ausgegrenzten der Gesellschaft. Karl Rottenschlager: „Das gemeinsame Wohnen oder Arbeiten oder beides ist das Um und Auf. Entscheidend ist auch die Tischgemeinschaft, das gemeinsame Essen. Die zwei wichtigsten Dinge sind für uns Liebe und Kompetenz: die Liebe als Grundhaltung, und Kompetenz heißt nichts anderes als professionelle Begleitung unserer Gäste, also der Menschen, die zu uns kommen. Das Ziel von Emmaus ist der liebes- und arbeitsfähige Mensch.“ Charly der „Sozialapostel“ nennt sie Gäste, „denn das Wort Gast zeigt sich in jeder Religion“. Bei Emmaus spielen Herkunft und religiöse Ausrichtung keine Rolle, sondern „der Respekt vor den Menschen, jeder Nation, jeder Religion“, so Rottenschlager.
 

Rottenschlager: Geprägt von der Großmutter

Auf die Frage, wie es bei ihm gekommen ist, dass er für soziale Anliegen ein großes Gespür entwickelte, geht er in seine Kindheit zurück. Geboren in Steyr, aufgewachsen in Behamberg bei Amstetten, in der harten Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, prägte ihn das Wesen seiner Großmutter: „Sie hat gelebt, was ich dann erst durch das Evangelium verstanden habe. Wenn Bettler kamen, bekamen diese immer etwas zu essen wie ein Schmalzbrot oder Most zu trinken. Viele wollten übernachten, sie sagte aber immer, vorher das Feuerzeug und die Zigaretten wegen Brandgefahr abgeben.“ Der kleine Horizont von zu Hause sollte sein Herz weiten. Für die Emmausgemeinschaft Sankt Pölten „gibt es keinen hoffnungslosen Fall, weil es für Gott auch keinen gibt“, so Rottenschlager, dem wichtig ist, „dass man nie die Freude an den Menschen verlieren soll“. Der Verein zur Integration sozial benachteiligter Menschen betreibt an sieben Standorten in Sankt Pölten Einrichtungen zur Unterstützung für Personen in Krisensituationen. Dazu gehören Notschlafstellen, Tageszentren, Wohnheime, eine Beratungsstelle, Arbeits- und Beschäftigungsplätze sowie Tagesstättenplätze für Frauen, Männer und Jugendliche. 
 

„Was vorher war, vergessen wir. Wir leben mit dir Barmherzigkeit.“

Karl Rottenschlager

Karl Rottenschlagers Credo

Täglich werden rund 320 Menschen von einem multiprofessionellen 155-köpfigen Team unterstützt und begleitet. Zusätzlich arbeiten jährlich etwa 30 Zivildiener und über 100 freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Emmausgemeinschaft Sankt Pölten mit.Die Einrichtungen von Emmaus stehen allen offen, etwa Menschen, die sozial benachteiligt sind oder Schwierigkeiten haben, Arbeit oder eine Wohnung zu finden. Die Klientinnen und Klienten von Emmaus sind akut Obdachlose und Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Außerdem Personen, die psychisch beeinträchtigt oder erkrankt sind, Suchtkranke oder Menschen, die aus dysfunktionalen Familiensystemen kommen. Ebenso wie Langzeitbeschäftigungslose und Personen, die aufgrund ihres Alters, ihrer beruflichen Qualifikation oder gesundheitlichen Beeinträchtigung nur schwer auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Aber auch Frauen, Männer und Jugendliche, die bedingt verurteilt wurden oder von Straffälligkeit bedroht sind, sowie Haftentlassene, die weder Arbeit noch Quartier besitzen.

Karl Rottenschlagers Credo lautet: „Es braucht Menschen, die glaubwürdig vorleben und vermitteln können, dass die ausgegrenzten Menschen radikal angenommen werden – unabhängig von ihrer Vorgeschichte“, so der Theologe und Sozialarbeiter. „Ob jemand von der Straße kommt, vom Gefängnis, aus der Psychi­atrie oder Prostitution, wir sagen ihm: Du kriegst alle Chancen. Was vorher war, vergessen wir, wir leben mit dir Barmherzigkeit.“ Das verändere Menschen, die wieder Selbstvertrauen tanken und auch Vertrauen zu anderen. Das impliziert auch Rückschläge, aber mit guter Begleitung schaffen es die Gäste der Emmausgemeinschaft, freut sich Karl Rottenschlager über den Erfolg der Weggemeinschaft mit Ausgegrenzten.

©Hans Kogler

Zur Person:

Karl Rottenschlager (78) studierte Theologie und war in den 1970er-Jahren Sozialarbeiter in der Justizanstalt Stein. 1982 gründete er die Emmausgemeinschaft Sankt Pölten. 

©emmaus.at

Die Emmausgemeinschaft Sankt Pölten

Die Emmausgemeinschaft Sankt Pölten umfasst vier Wohnheime, drei Notschlafstellen, zwei Tageszentren und vier Betriebe, die Menschen am Rande der Gesellschaft den Berufseinstieg erleichtern sollen.

emmaus.at

©Tyrolia Verlag

Buchtipp:

Karl Rottenschlager – Der Traum von Emmaus. Ein Leben für haftentlassene und benachteiligte Menschen. Biographie über den Gründer der Emmausgemeinschaft Sankt Pölten, Tyrolia Verlag, 
ISBN: 978-3-7022-4214-5, 216 Seiten, EUR 26,–

Logo radio klassik Stephansdom.
Logo radio klassik Stephansdom. ©David Kassl

Passionswege auf radio klassik Stephansdom

Am Samstag, 29. März um 19:00 Uhr spricht Karl Rottenschlager über seine Berufung zum Sozialarbeiter und die Herausforderung in der täglichen Arbeit mit ausgegrenzten Menschen. Stefan Hauser hat ihn dazu in Sankt Pölten besucht. DaCapo: Mittwoch, 2. April, 21:00 Uhr.     
radioklassik.at

Autor:
  • Stefan Hauser
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