Mehr Schein denn heilig
Ihnen gesagt
Er treibt sein Unwesen regelmäßig: Der Tartuffe ist aktuell im Wiener Burgtheater zu Gast, genauso unsympathisch wie eh und je mit all seinen Mechanismen der Manipulation.
Falscher Schein
Die Rolle übernimmt übrigens eine Frau. Aber keine Sorge: Bibiana Beglau ist genauso unmöglich wie jeder Mann. (Eine interessante Interpretation der Gleichberechtigung.) Tartuffe ist heuchlerisch, berechnend und nützt die Gutgläubigkeit naiver Leute aus. Molière, der große Kenner der menschlichen Seele, hat uns das zeitlose Porträt des Hochstaplers geschenkt – als Mahnmal. Sein meistgespieltes Werk wurde erstmals am Hof Ludwig XIV. aufgeführt, sehr zum Missfallen der damaligen Höflinge, unter denen sich manche besonders fromm gaben und denen Molière den Spiegel vorhielt – bis heute.
Machiavelli: "Redlich zu SCHEINEN, ist sehr nützlich.“
Fühle ich mich nicht auch an der Nase gepackt? Heuchelei und Bigotterie gibt es nach wie vor, Manipulation oder Fake News, unüberprüfte Falschmeldungen durch Trolle überschwemmen digitale Medien oder werden gar von Politikern verbreitet, ein Phänomen, das übrigens auch nicht erst in diesem Jahrhundert zu beobachten ist. Der pragmatische Florentiner Politiker Niccolò Machiavelli notiert in seinem Werk „Der Fürst“ für alle Spindoktoren: „Ich wage zu behaupten, dass es sehr nachteilig ist, stets redlich zu SEIN: aber fromm, menschlich, gottesfürchtig, redlich zu SCHEINEN, ist sehr nützlich.“ Seit der Erstauflage in den Jahren 1531–32 hat sich nichts verändert.
Schein statt sein: Gegen Unvernunft und Bösartigkeit
Aber Molière schrieb uns auch die sympathische Zofe Dorine in das Stück. Sie bewahrt sich ihren gesunden Menschenverstand und tritt beherzt sowie mutig gegen Unvernunft und Bösartigkeit auf. Dorine hat einfach Zivilcourage. Versuchen wir im Alltag mehr zu handeln und einzugreifen, wenn wir spüren, dass etwas nicht stimmt!